Das Bild. Zwei Seiten.

Heidelberg. 2017, 2018.
Ein Zimmer mit Terrasse. Platz für mehrere Leinwände gleichzeitig. Das war das erste Mal, dass ich Platz hatte. Ich kannte das nicht — Platz.
Ölfarbe. Rakel. Kein Wissen. Nur der Körper, der ja sagt.
Die linke Seite entstand zuerst. Rakeltechnik, über die ganze Leinwand. Farbe, wie sie zieht, wie sie bricht, wie sie sich selbst überholt. Keine Absicht. Nur Material und Hand. Niemand hatte es mir gezeigt. Danach fragt auch keiner.
Mein Körper mochte die Arbeit. Es war Glück.
Dann entschied ich, die linke Seite stehen zu lassen.
Ölfarbe ist zäh. Sie trocknet langsam. Monate. Man kann sie nicht zwingen. Das war neu für mich — etwas, das nicht schneller geht, wenn man mehr gibt. Beim Kinderschutzbund hatte ich gelernt: mehr geben, bis nichts mehr da ist. Hier lernte ich das Gegenteil. Die Farbe wartete. Also wartete ich auch.
Während sie trocknete, geschah etwas. Nicht mit dem Bild. Mit mir.
Monate später kam ich zurück.
Die rechte Seite. Dieselben Farben wie links — nur mit einem viel, viel größeren Weißanteil. Schicht für Schicht. Spachtel. Rolle. Malerkrepp.
Das Malerkrepp kannte mein Körper schon. Aus den Umzügen. Altbau, Neubau, Dachgeschoss, Souterrain, Garten. J.,C., und ich, immer wieder weiße Wände, immer wieder ein neuer Anfang. Wir lachten dabei. Das ist das, was niemand glaubt: dass dabei gelacht wurde. Die Kante, die saubere Linie — das war das Werkzeug, mit dem man Ordnung in eine fremde Wohnung zieht, bis sie eine eigene wird.
Damals zog meine Mutter es ab. Ich schaute zu.
Jetzt zog ich es selbst ab.
Ich wollte das Chaos der linken Seite nicht übermalen. Nicht löschen. Ordnen. Mit denselben Farben, die schon da waren — nur heller, klarer, mit Raum dazwischen. Damit beide Seiten nebeneinander stehen können, ohne dass eine die andere frisst.
Zwei Jahre arbeitete ich an diesem Bild.
Ein Jahr der Erkenntnis. Ein Jahr der Ordnung.
Dann kam der Moment.
Ich kannte den Prozess jetzt. Die Bewegung des Spachtels, den Druck der Rolle, die Sekunde, in der man das Malerkrepp abzieht, bevor die Farbe anzieht. Genau diese gerade Kante hatte ich beherrschen wollen.
Die Hand. Das Krepp. Der Zug.
Rückstandslos.
Die Linie stand. Scharf. Sauber. Gewollt.
Und in dem Moment, als die Ordnung sichtbar wurde und sich vom Chaos trennte, ohne es zu verraten — war das Glück.
Nicht Erleichterung. Nicht Stolz. Glück.
Es war nicht das Beherrschen von Menschen. Nicht die Kontrolle, die aus Angst kommt, die ich aus allem anderen kannte — Lücken füllen, bevor ein anderer sie füllt. Es war das Beherrschen des Materials. Eine Regel, die ich selbst gesetzt hatte. Krepp. Farbe. Zeit. Mehr Regeln gab es nicht.
Der Körper wusste es, bevor der Kopf es denken konnte.
Ich beherrsche diese Kante. Und die Kante macht mich glücklich.
Das Bild hat noch keinen Titel. Das fällt mir gerade erst auf, während ich das schreibe.
Es bleibt im Besitz des Künstlers.
Es hängt heute über dem Schreibtisch, an dem ich dieses Buch schreibe.
Ich tue hier dasselbe. Ich nehme das Chaos und lege eine Kante hinein. Statt Krepp jetzt Sätze. Statt Ölfarbe diese Wörter. Dieselbe Absicht: nicht löschen, was war. Ordnen. So, dass es nebeneinander stehen kann — die linke Seite und die rechte, das, was mir widerfahren ist, und das, was ich daraus mache.
Die Entscheidung war damals intuitiv. Heute ist sie keine Frage mehr. Je länger ich sie halte, desto stärker wird sie.
Nicht schwächer.
Links: das darf sein.
Rechts: und ich darf daneben stehen.
Dazwischen die Linie. Die habe ich gezogen.

Flugplatz

Die Zeit war abgelaufen. 3 Wochen minus 21 Tage. In ein paar Sekunden würde sie eintreffen. Den Ort hatte ich gesetzt: Alter Flugplatz. Kein Verkehr. Viel Raum – damit das Gespräch lang wird. Lang bleibt. Sich offen anfühlt.
Das Feld war golden. Die Flugzeuge hatten aufgehört zu starten. Die Routine der letzten Wochen machte mir Mut. Es könnte gut werden. Das sagte ich mir. Immer wieder. Drei Wochen lang hatte ich YouTube-Coaches konsultiert, Ratschläge gesammelt, Sätze geübt. Als könnte man eine Sprache lernen, die man nicht spricht, wenn man nur lange genug zuhört. Als wäre Liebe übersetzbar, wenn man die richtigen Werkzeuge hat. Und wie immer hatte ich Fragen dabei – denn die gaben mir Sicherheit. Sie waren das, was mich zum Zuhören zwingt. Ich wollte wirklich wissen, was Pause für sie bedeutet. Wie ich ihre Pause in meine Sprache übersetzen kann. Was Pause mit dir macht. Was Pause mit ihrer Liebe macht.
Sie war Tänzerin. Ihr Körper kannte keinen Stillstand. Ich hätte es wissen müssen.
Sie kam mit dem Barbie Bike. Die Landebahn ließ ihre Ankunft länger erscheinen. Die Landung war elegant. „Red Rocket", taufte sie mein Bike zur Begrüßung. „Looks like you're color matching. ❤"
Ab jetzt hörte sich alles, was sie sagte, wieder wie eine wunderschöne Melodie an. Was ich nicht verstand, glaubte ich zu verstehen. Das reichte.
Ich weiß nicht mehr, welche Farbe die Decke hatte, auf der wir saßen. Ich weiß noch, dass der Asphalt unter uns sie wärmte – und wir uns gegenseitig. Unsere Körper lagen ineinander, ein letztes Mal, ohne dass ich das wusste. Und dann war es still. Nicht unangenehm. Nicht leer. Eine Stille, in der wir uns verstanden haben – wie so oft. Besser als in Worten. Besser als in seiner Sprache oder meiner. In dieser Stille wusste ich: Wir müssen solo weitergehen. Damit jeder für sich groß bleibt.
Pause, dachte ich noch. Aber es war keine Pause.
Was ich nicht bedacht hatte: Ein offener Flugplatz bringt einen langen Abschiedsweg mit sich. Mindestens aber die Landebahn. Und so gingen wir. Und drehten uns um. Und schauten, ob der andere noch da ist. Und drehten uns wieder um. Unsere Körper wurden kleiner. Dann war sie weg.

Heidelberg, Herbst

Warmes Licht. Kastanien, orange. Ihre Augen blau.

Kaum ein Herbst war schöner gewesen als dieser in Heidelberg. Hier geht die Sonne am schönsten unter. Hier verlor ich mein Herz, gewann es zurück und ließ einen Teil davon.

Wir hatten alles gebucht, was man buchen kann, wenn man beweisen will, dass man sich liebt. Airbnb. Schlosskasse. Foto unter dem Hochzeitsbogen, Hände verschränkt wie auf einem Bild. Im Schlossgarten das Moos auf den Steinen. Die Stille, die man für Romantik hält.

Heidelberg ist laut und eng und stolz auf seine verliebten Papageien. Auch wenn sie eine Plage sind.

Sie wollte Luft rauslassen. Ich wollte Matteo sehen.

Er hatte das, worüber wir stritten. Weißes. Fünfzig Euro.
Nach zwei Minuten lenkte ich ein.
Nach fünf Minuten schlug es ein.

Sie stand am Geländer. Die Stadt unten. Lautstärke, dann Stille, dann Lautstärke — so wie immer in dieser Stadt, so wie immer zwischen uns. Sie war laut und verzweifelt. Ich erklärte. Das ist das Wort, das ich dafür benutze.

Die Papageien flogen durch das Abendlicht.

Grün vor Orange.

Niemand bat sie zu bleiben.

C-M-B, Heidelberg, Herbst 2024

02:22 – an Sie

Du schläfst.
Ich bin noch in der Halle.

Alte Teppichfabrik. Loft.
Kalter Beton. Öl in der Luft.
Neon, das alles gleich macht.
Kein Licht, das lügt.

Ich ziehe Linien.
Immer wieder. Gerade.
Bis die Hand übernimmt.

Der Zweifel steht im Raum.
Er arbeitet mit.

Um sechs heult die Sirene.
Frühschicht.
Körper durch Drehkreuze.
Zeit wird gezählt.

Ich höre auf.
Ohne Signal.
Nicht ohne System.

Diese Halle hat produziert.
Meterware.
Für Räume,
die jemand besitzen wollte.

Jetzt: Bilder.
Öl wird Preis.
Wiederholung wird Wert.

Kein Zufall.

Später: Parkett.
Stille Räume.
Nebenan: Schichtdienst.
Kein Parkett.

Ich stehe dazwischen.
Nicht sauber.

Wenn jemand viel zahlt,
kommt Ruhe.
Und Gewicht.

Geld bewegt sich.
Nicht hier stehen geblieben.

Kunst ist nicht draußen.
Sie greift rein.

Der Widerspruch bleibt
in den Händen.
Pigment. Preis.

Du fragst nicht nach Rendite.
Du fragst, was trägt.

Was trägt,
sind Menschen,
die nicht verwechseln:
Pose und Entscheidung.

Zwischen zwei Welten
heißt nicht vermitteln.
Heißt:
bleiben.

Ich arbeite hier.
Ich verkaufe dort.

Dazwischen:
Reibung.

Vielleicht reicht das.

Es ist drei Uhr.
Noch drei Stunden.

C-M-B, 29. August 2025